SPANNENDE EINBLICKE ZUM MYTHOS NEUER

Nach seinem Patzer gegen Griechenland gerät Manuel Neuer in die Kritik. Ein Torwartwechsel ist bei der DFB-Elf trotzdem undenkbar.

Es ist eine Diskussion, die man sich vermutlich nur im „Torhüter-Land“ Deutschland leisten kann: Wenige Tage vor dem EM-Eröffnungsspiel gegen Schottland steht Manuel Neuer plötzlich in der Kritik.

Jener Manuel Neuer, der über viele, viele Jahre das Torwartspiel prägte, ja neu definierte. So mancher Beobachter nennt ihn sogar den „besten Keeper aller Zeiten“. Dass mit „aller Zeiten“ auch die kommenden Jahre und Jahrzehnte gemeint sind, ist denjenigen durchaus bewusst.

Fakt ist: Der mittlerweile 38-Jährige ist eine Klasse für sich. Er ist eine Ikone.

Fakt ist aber auch: Neuer ist nicht mehr der Torhüter, der er 2014 oder 2016 war. Seine Fehler häufen sich.

Neuer ist unantastbar

Trotzdem ist er unantastbar, ein Wechsel auf der Torhüterposition steht bei der DFB-Elf nicht zur Debatte. Mit leidenschaftlichen Statements stellten sich zunächst Bundestrainer Julian Nagelsmann, dann Sportdirektor Rudi Völler und schließlich DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig hinter Neuer.

„Mir ist da insgesamt zu viel negative Stimmung. Er hat nicht nur den Rückhalt von der Mannschaft, sondern von allen. Er hat in der Rückrunde konstant gute Leistung gebracht und ist nach seiner langen Verletzungspause in einem top Fitnesszustand. Er ist für uns in einer Verfassung, in der er zu Recht die Nummer 1 ist“, sagte Rettig beispielsweise im Doppelpass Spezial.

Dass der DFB sofort das „große Besteck“ auspackte und sämtliche wichtige Entscheidungsträger dem Keeper zur Seite sprangen, spricht Bände. Niemand im Verband will jetzt noch eine Torwart-Diskussion aufkommen lassen.

Das Problem: Völler & Co. haben ihr Pulver jetzt schon verschossen. Sollte sich Neuer gegen Schottland, Ungarn oder die Schweiz erneut einen Lapsus leisten, gehen den Verantwortlichen die Argumente aus. Wer könnte dann die Nummer 1 noch glaubwürdig verteidigen?

Neuer lebt von seinem Mythos

Neuer – das bestreitet niemand – hat sich den Platz zwischen den Pfosten redlich verdient. Seine Leistungen nach der schweren Verletzung im Winter 2022/23 sprechen für sich. Damals stand sogar ein Karriereende im Raum, doch der 38-Jährige kam eindrucksvoll zurück.

Doch ist es auch der „Mythos Neuer“, der einer gesunden Wachablösung in der Nationalmannschaft im Wege steht. Der langjährige Kapitän der DFB-Elf verfügt weiterhin über ein hervorragendes Netzwerk. Auch beim FC Bayern ist seine Hausmacht beachtlich.

Wirklich Kritik übt niemand an ihm – und Neuer lässt diese auch nicht an sich heran. Nach seinem Fehler im Champions-League-Halbfinale bei Real Madrid zeigte sich der 38-Jährige nicht sonderlich bedrückt. Nur kurz erklärte er seinen Patzer, dann war wieder Tagesgeschäft angesagt. Neuer, der Unantastbare.

Neuer hat intern alles im Griff

Intern lässt er dem Vernehmen nach ebenfalls keine Zweifel an seiner Person zu. Neuer gilt gemeinhin als selbst- und machtbewusst. Das machte er bereits vor Jahren auch öffentlich deutlich.

Im Sommer 2020, als berichtet wurde, Nachwuchs-Keeper Alexander Nübel habe bei seinem Wechsel zum FC Bayern eine Mindestanzahl an Einsätzen versprochen bekommen, reagierte Neuer deutlich: „Ich bin Sportler, ich bin Profi – und ich will immer spielen. Ich bin kein Statist, sondern Protagonist.“

Intern soll Neuer sogar noch deutlicher geworden sein. Mehreren Quellen zufolge soll der Satz „Dem (Nübel) schenke ich kein Spiel“ gefallen sein.

Seitdem gilt das Verhältnis der beiden als belastet. Nübel beschrieb während des Trainingslagers in Blankenhain (Thüringen) sein Verhältnis zu Neuer allerdings als „kollegial und freundschaftlich“ und fügte hinzu: „Solange Manu da ist, macht es für mich natürlich keinen Sinn, nach München zurückzukehren.“

Ter Stegen im Wartestand

Auch Marc-André ter Stegen, den aktuell viele Fans im Tor der DFB-Elf sehen wollen, bleibt gelassen und zurückhaltend. Auf Neuers kleine Schwächephase im Spiel gegen die Ukraine angesprochen, sagte er zu SPORT1, dass er sich keineswegs freue, wenn der Konkurrent patze.

Neuer, so scheint es, hat trotz seiner Wackler alles und alle im Griff. Die Torhüter-Ikone lässt sich nicht so einfach aufs Altenteil schieben. Genau dieser Wille ist es, der ihn an die Spitze gebracht hat.

Doch in der öffentlichen Wahrnehmung hat sein Fehler gegen Griechenland Spuren hinterlassen. Ter Stegen wird trotzdem noch lange darauf warten müssen, Nummer 1 im deutschen Tor sein zu dürfen. Es ist auch der Mythos eines Manuel Neuer, der ihm im Wege steht.

2024-06-10T21:49:57Z dg43tfdfdgfd