STREIT ZWISCHEN DOSB UND BUND: WIE GEWINNT DEUTSCHLAND MEHR MEDAILLEN?

Mit einer unabhängigen Sportagentur will die Regierung deutsche Athletinnen und Athleten wieder erfolgreicher machen. Doch ausgerechnet der Deutsche Olympische Sportbund geht auf Konfrontationskurs.

Ungerecht, bürokratisch und nicht zielorientiert – seit Jahren steht die deutsche Spitzensportförderung in der Kritik. Länder wie Großbritannien, Australien oder Norwegen gelten als deutlich erfolgreicher im internationalen Vergleich. In ihrem Koalitionsvertrag hat die Ampel deshalb angekündigt, die Förderung neu aufzustellen und dafür eine Sportagentur mit weitreichenden Befugnissen zu gründen.

In den vergangenen Monaten haben Verwaltungsangestellte und Sportfunktionäre in mehreren Arbeitsgruppen ein neues Konzept entwickelt. Nun soll das Vorhaben einen rechtlichen Rahmen bekommen. Wie der SPIEGEL aus Regierungskreisen erfuhr, soll ein Referentenentwurf für ein Sportfördergesetz noch in der ersten Jahreshälfte ins Bundeskabinett eingebracht werden.

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Doch das Papier wird bereits massiv kritisiert, bevor es überhaupt veröffentlicht worden ist. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ging auf direkten Konfrontationskurs: Das Bundesinnenministerium (BMI) gefährde durch das Gesetz die Ziele der Leistungssportreform. »In einer ersten Analyse des Entwurfs stellen wir ernüchtert fest, dass das BMI mit diesem Gesetzentwurf nach über zwei Jahren gemeinsamer intensiver Arbeit an einer Reform des Leistungssports und der Spitzensportförderung die bisher vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem organisierten Sport infrage stellt«, teilte er mit.

Ziel des Entwurfs sei es, die Förderung »potenzial- und erfolgsorientierter« auszurichten, so steht es in dem Entwurf. Der Medaillenrückgang bei Großereignissen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften soll gestoppt, Bürokratie durch Bündelung der Vergabeentscheidungen abgebaut werden.

Der Sport pocht auf die Autonomie beim Geldverteilen

Es geht um viel Geld und Einfluss. Die Bundesregierung hatte den Fördertopf für den Spitzensport zuletzt auf 300 Millionen Euro erhöht, was sich jedoch nicht in mehr Medaillen bei Olympischen Spielen oder internationalen Meisterschaften niederschlug. Bislang wird das Geld über den DOSB an die Sportverbände verteilt, Grundlage ist ein kompliziertes Bewertungsverfahren, bei dem Potenziale und Erfolgsaussichten der Athletinnen und Athleten beurteilt werden.

Der Sport beharrt auch weiterhin auf seiner Autonomie und will sich nicht von Verwaltung und Politik in die Geldvergabe hereinreden lassen. Der Bundesrechnungshof hingegen verlangt, dass die Verteilung der Steuergelder genauer kontrolliert wird. Auch der Bundestag fordert zuletzt, in den Gremien der Agentur beteiligt zu werden.

Herausgekommen ist nun eine komplizierte Stiftungsstruktur, die aus drei Organen besteht: Stiftungsrat, Vorstand und Sportfachbeirat. Nur die ersten beiden verfügen über Entscheidungsgewalt. Den Stiftungsrat bilden neun Mitglieder des Bundes, darunter fünf Mitglieder des Deutschen Bundestags, sechs Mitglieder des DOSB und drei Mitglieder der Bundesländer. Im Sportfachbeirat hat der DOSB mit neun Mitgliedern die Mehrheit. Dieses Gremium hat jedoch nur beratende Funktion.

Ein weiterer Kritikpunkt: Es wurde nicht vor Beginn des Reformprozesses definiert, welche Ziele die Bundesrepublik in der Spitzensportförderung verfolgt. Ob also – wie bisher – sämtliche olympischen Sportarten unterstützt werden oder nur die, wo Deutschland besonders hohe Erfolgschancen hat, ist offen.

Droht noch mehr Bürokratie?

DOSB-Präsident Thomas Weikert nannte den Plan »nicht akzeptabel«. Der Entwurf enthalte deutliche Umsetzungsschwächen bei den Themen »Unabhängigkeit der Agentur«, »Kooperation zwischen Politik und Sport auf Augenhöhe« sowie Bürokratieabbau. Man befürchte eine Fortführung der »überbordenden Verwaltungsprozesse«.

»Statt wie vereinbart mit einer flexibleren und weniger bürokratischen Förderung und Steuerung des Spitzensports die existierenden Verkrustungen und Hemmnisse für den Erfolg von Athlet*innen zu beseitigen, wird der Status quo durch die neue Agentur institutionalisiert«, teilte Weikert mit.

Der Entwurf sieht Förderungen für Athletinnen und Athleten, Sportwissenschaft, Stützpunktsysteme, Baumaßnahmen, Großveranstaltungen und internationale Beziehungen vor. Das 2016 von Bundesinnenministerium und DOSB entwickelte Potenzialanalysesystem Potas soll in die Agentur integriert werden, wie der SPIEGEL erfuhr. Allerdings in verschlankter Form.

Neben klaren leistungsbezogenen Zielen, wie einem Platz unter den ersten fünf beim Medaillenspiegel der Olympischen Sommer- und einem Platz unter den ersten drei bei den Winterspielen, formuliert der Entwurf auch gesellschaftsbezogene Ziele. Darunter »die Verhütung und Bekämpfung von politischem Extremismus, Antisemitismus und anderen Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit«, »die Gleichstellung von Frauen und Männern und die Stärkung der Diversität« sowie Integration. »Ziel der staatlichen Förderung ist ein doping-, manipulations-, korruptions- und gewaltfreier Sport«, heißt es.

Bei großen internationalen Wettkämpfen haben deutsche Athletinnen und Athleten ­zuletzt immer weniger Erfolge erzielt. Von den Olympischen Spielen in Tokio kamen die Deutschen mit dem schlechtesten Ergebnis seit der Wiedervereinigung heim. Historisch schwach schnitten sie auch bei der Leichtathletik-WM in den USA ab, außer dem Titel im Weitsprung für Malai­ka Mihambo reichte es nur zu einer Bronzemedaille.

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